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Leitstellen-Fusion in Thüringen: Reform unter massivem Zeit- und Kostendruck

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Strukturelle Probleme gefährden Modernisierung

Der Thüringer Rettungsdienst steht vor einer Zerreißprobe. Die geplante Reduzierung der Rettungsleitstellen von ursprünglich zwölf auf sechs Standorte kommt nur schleppend voran. Experten wie Christof Chwojka von der Björn Steiger Stiftung warnen nun davor, dass der Freistaat den Anschluss an moderne Versorgungsstandards verlieren könnte.

Ein Kernproblem ist die mangelnde Kooperationsbereitschaft einiger Landkreise. Während das Innenministerium eine Halbierung der Leitstellen anstrebte, wollen Kreise wie das Weimarer Land, das Eichsfeld und der Unstrut-Hainich-Kreis ihre Einsätze weiterhin eigenständig koordinieren. Nach aktuellem Stand wird die Zahl der regionalen Leitstellen daher lediglich auf neun sinken.

Zudem scheiterten bereits konkrete Fusionsvorhaben an lokalen Differenzen. So konnte die Zusammenlegung der Leitstellen für den Wartburgkreis, den Landkreis Gotha und den Ilm-Kreis nicht realisiert werden, da keine Einigung über den künftigen Standort erzielt wurde. Dies erhöht den Druck auf jene Kreise, die bislang noch keinen Fusionspartner gefunden haben.

Explodierende Kosten und technischer Nachholbedarf

Die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen der Reform haben sich drastisch verschlechtert. Schätzte das Innenministerium die Gesamtkosten für die Modernisierung und Umstrukturierung ursprünglich auf rund 50 Millionen Euro, wird mittlerweile von etwa 131 Millionen Euro ausgegangen. Das Land Thüringen trägt dabei 70 Prozent der Kosten.

Kommunen, die sich gegen eine Fusion entscheiden und ihre Leitstellen im Alleingang weiterbetreiben wollen, müssen die notwendigen Investitionen in moderne Technik selbst finanzieren. Dies betrifft insbesondere die Erneuerung veralteter IT-Infrastrukturen, die angesichts steigender Einsatzzahlen und höherer Qualifikationsanforderungen unumgänglich ist.

Im Jahr 2021 koordinierten die Thüringer Leitstellen über 526.000 Einsätze. Um diese Last künftig effizienter zu bewältigen, drängen auch die gesetzlichen Krankenkassen auf eine Zentralisierung. Weniger Standorte ließen sich technisch leichter auf dem aktuellen Stand halten und würden den langfristigen Kostendruck für die Beitragszahler senken.

Bundesweite Reformansätze als Orientierung

Die Probleme in Thüringen spiegeln eine bundesweite Debatte wider. Christof Chwojka betont, dass moderne Gesetzgebungen erstmals die drei Säulen der Notfallrettung – Leitstelle, Rettungsdienst und klinische Notaufnahme – als eine Einheit betrachten müssen. Leitstellen werden dabei zunehmend als medizinische Steuerzentralen verstanden, die über das Überleben von Patienten entscheiden.

In Thüringen wurde das Rettungsdienstgesetz bereits angepasst, um dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken. So wurde die Übergangsfrist für Rettungsassistenten, die als Disponenten in Leitstellen arbeiten, bis Ende 2028 verlängert. Auch die Einführung eines Telenotarztsystems und digitaler Ersthelferalarmierungen sind Teil der Strategie, um die Qualität trotz struktureller Hürden zu sichern.

Dennoch bleibt die Zusammenführung der Leitstellen das zentrale Element für eine zukunftsfähige Struktur. Ohne eine Einigung auf regionale Kooperationen droht ein Flickenteppich aus unterschiedlich ausgestatteten Zentralen, was zulasten einer einheitlichen Versorgungsqualität im Freistaat gehen könnte.

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